Cento - Ein Jahrhunderthengst wird 28 Jahre

11/18/19

Geschrieben von: Dieter Ludwig  

Dobel/ Nordschwarzwald. Ein wahrlich ungewöhnliches Pferd wird an diesem 1. März  28 Jahre alt, der Schimmel-Hengst Dobel`s Cento. Ein Jahrhundertpferd, der unter Otto Becker Triumphe feierte und den Namen Dobel in die Welt trug.

Dobel liegt im Nordschwarzwald, 700 m über dem Meeresspiegel, hat etwa 2.200 Einwohner, und über ansässige Unternehmen erwähnt das ziemlich allwissende Lexikon Wikipedia  als „von überregionaler Bedeutung“ die Waldklinik Dobel, kein Wort über das Gestüt Dobel, doch von dort trug gar ein Pferd den Namen in die Welt, der Schimmelhengst Dobel`s Cento. Ein Jahrhundertpferd. An diesem Mittwoch, 1. März, wird der Holsteiner Vererber 28 Jahre alt, mehr als ungewöhnlich für einen Sportler dieser Klasse. „Es geht ihm gut“, sagt sein ehemaliger Reiter Otto Becker (58), bei ihm in Albersloh unweit von Münster geniest das Pferd seit 2006 sein Rentnerdasein.

Horst Karcher erwarb den Schimmel mit zweieinhalb Jahren, er gab ihm den Vornamen Dobel. Karcher, seit 1989 Besitzer des Gestüts Dobel, orakelte damals bereits: "Der wird mal Olympiasieger." Er bekam recht. "So ein Pferd", sagt Olaf Peters (50), seit 2003 Gestütsleiter, "ist sicherlich  wie ein Sechser im Lotto.“ Doch ohne Otto Becker wäre vielleicht auch Dobel`s Cento nie jenes Ausnahme-Springpferd geworden, denn der gelernte Winzer aus Großostheim war bereits einer im großen Sport, der Schimmel erst fünf Jahre alt und ein talentiertes Nichts. Das Schicksal brachte beide zusammen, oder besser Karcher und Becker.

Das bedeutungsvolle Jahr 1989

Das Jahr 1989 war irgendwie von großer Bedeutung, für Otto Becker und Horst Karcher und letzten Endes auch für den Capitol I-Sohn Cento. Paul Schockemöhle hatte Otto Becker für seinen damaligen Kronprinzen Ludger Beerbaum nach Mühlen geholt, und in Holstein wurde Cento geboren. Ein Jahr später gewann Becker in Mannheim auf der Westfalen-Stute Pamina erstmals die deutsche Meisterschaft. Er holte auf der Polydor-Tochter in Stockholm bei den ersten Weltreiterspielen mit der Mannschaft Silber und verpasste nur um lediglich 0,47 Strafpunkten das Einzelfinale. Wenige Wochen später siegte er als erster Deutscher mit Pamina im Großen Preis des CSIO von Kanada in Spruce Meadows, und strich für Pferdebesitzer Schockemöhle das damals schier unglaubliche Preisgeld von 250.000 Mark ein. Als dann aber der Geschäftsmann Paul Schockemöhle Pamina sechs Monate vor Olympia in Barcelona 1992 für geschätzte zwei Milionen Mark an den Italiener Valerio Sozzi verkaufte, hatte Otto Becker plötzlich kein Spitzenpferd mehr. In der katalanischen Metropole ritt er auf Lucky Luke chancenlos in der Mannschaft mit, nach dem enttäuschenden elften Rang sagte er: „Mit Pamina wäre sicherlich einiges anders gelaufen.“

Im Oktober nach Olympia verließ er Mühlen und zog ins Leistungszentrum Warendorf um. Otto Becker damals. „Ich gehe nicht im Zorn aus Mühlen weg, Paul Schockemöhle hat mich immer fair behandelt. Er kennt die Materie wie kein anderer, als Reiter, als Trainer und als Geschäftsmann.“ Zur eigenen Situation sagte er: „Ich habe keine Sponsoren, keine Pferde. Ich fange bei Null an.“ Becker wurstelte sich so durch, doch dann kam 1994 ein Anruf, und der kam gerade recht. Horst Karcher fragte, ob er nicht mal einen Schimmel testen wolle. Es ging um Cento. Das war in Kurzform der Beginn einer wunderbaren und erfolgreichen Zusammenarbeit. Er nahm den Holsteiner fünfjährig mit zum damals noch existierenden Hallenturnier nach Bremen und gewann mit dem Hengst gleich eine Springpferdeprüfung, 1996 folgte in Caen/ Normandie der erste internationale Auftritt mit einem Sieg in einer nur für Hengste ausgeschriebenen Prüfung.

Gewinnsumme: Über eine Million Euro

1997 trafen sich Otto Becker und Paul Schockemöhle wieder. Sie schlossen  per Handschlag einen Vertrag „auf unbefristete Zeit“ (Becker). Der dreimalige deutsche Meister wurde freier Mitarbeiter im Stall Schockemöhle. Die Stute Pamina war der eigentliche Anfang für eine große Karriere des Otto Becker, der Holsteiner Jahrhundert-Hengst Dobel`s Cento wurde die Vollendung. Otto Becker formte den Schimmel zum Star. Er gewann mit Cento 2000 beim deutschen CHIO in Aachen den Großen Preis, 2002 den Weltcup, 2003 in Calgary zum zweiten Mal den Großen Preis des CSIO von Kanada wenige Tage nach dem Gewinn der Mannschafts-Europameisterschaft in Donaueschingen, die Olympische Goldmedaille mit dem Team 2000 in Sydney und beinahe auch 2004 in Athen, wäre daraus wenige Wochen später  nicht Bronze geworden wegen der Salbenaffaire um Goldfever von Ludger Beerbaum. Mehr jedenfalls geht mit einem einzigen Pferd kaum.

Am Schlusstag des CHIO von Deutschland im Mai 2006 in Aachen wurde Dobel`Cento vor 40.000 Zuschauern vom großen Sport in einer emotionalen Feierstunde verabschiedet. Im Sport hatte er bis dahin 1.053.318 Euro eingesprungen. Otto Becker, der spontan am 26. Oktober 2008 nach seinem Erfolg im Großen Preis von Hannover auf Lunatic seinen Rücktritt vom Leistungssport verkündete und seit Januar 2009 Bundestrainer ist, sagt über Cento: „Charakterstark, clever, intelligent, er spürte, wenn und wann es darauf ankam, dann gab er alles…“